Aktuell

Tuğba Şimşek

TEBEŞİR

28.3.– 17.7.20

Der Besuch der Galerie / Ausstellung ist ab dem 9. Mai nur mit einer Mund-Nasen-Bedeckung möglich. Desinfizieren Sie sich die Hände im Eingangsbereich der Galerie. Bitte halten Sie einen Mindestabstand von 1,5 bis 2 m zu anderen Personen ein. Husten oder niesen Sie in die Armbeuge oder in ein Taschentuch und halten Sie Ihre Hände vom Gesicht fern (Augen, Nase, Mund). Vermeiden Sie Berührungen (z. B. Händeschütteln, Umarmungen, Berührung von Oberflächen). Bitte besuchen Sie die Junge Kunst nur allein, zu zweit oder mit Angehörigen des eigenen Haushalts. Vermeiden Sie die Bildung von Gruppen. Sollten Sie sich krank fühlen, bleiben Sie bitte zu Hause.

Die Zeichnerin

Tuğba Şimşek ist Zeichnerin. Bei ihr steht Zeichnung immer in Relation zu etwas Gesehenem, Erlebten; davon sprechen die Skizzenbücher, in denen sie etwa Momente ihrer Reisen festhält, Wahrgenommenes, oft in kleinen Details; dazu Ort und Zeit der Anwesenheit, des Sehens, des Festhaltens auf dem Papier. Worte und Sätze, private oder Zitate. Wir, die Betrachter, werden Zeugen von Momenten eines wirklichen Lebens, eines Handelns, das außerhalb der digitalen Welt stattfindet und hier und jetzt sichtbare und berührbare Ergebnisse produziert.
Die Künstlerin arbeitet mit traditionellen Materialien und in traditionellen Medien: mit dem Stift auf Papier, mit dem Edding auf der Radierplatte, mit der Kreide auf der grundierten Tafelfläche. Das analoge Arbeiten feiert den Moment des Sehens, der spontanen Notiz, der Reaktion auf dem Blatt oder Block in der Hand. Die Zeichnerin notiert am Ort des Sehens, in situ, fühlt sich hier freier im Handeln als im Atelier. Oft steht sie vor den Dingen, die sie auf das Papier bringt, in kleinem, überschaubaren Format der Zeichnung.
Die Kraft dieser Zeichnungen liegt in ihrer Spontaneität, der Gefasstheit der Linien auf dem Blatt, dem Risiko auch des Scheiterns. Die Künstlerin selbst ist ihre erste Betrachterin: manche Zeichnung , verworfen nach der Prüfung, wird weiter überarbeitet, bis sie stimmig ist. Oder das Blatt wird gewendet, und auf der Rückseite entsteht eine neue Zeichnung.
Tuğba Şimşek arbeitet auch in anderen Medien, der Skulptur oder der Installation. In der Zeichnung indes ist äußerste Konzentration auf das kleine Format zu erleben, in dem die Elemente entstehen, die sich in ihren großen zeichnerischen Wandarbeiten wiederfinden können. So etwa in den beiden Wänden in Wolfsburg, auf denen sich die Figur eines Dackels in serieller Reihung findet, die Schnauzen der vielen Tiere einander zugewandt oder das vordere Tier beschnuppernd. Ein ironisches Moment blitzt da auf, wo des Deutschen Lieblingstier so ganz zum ornamentalen Element wird. Gelegentlich aber wird ein wichtiges Blatt auch im großen Format wiederholt, von der Skizze in die große Lösung überführt; auch hier spontane Entscheidungen, etwa in der Vorbereitung einer Ausstellung, in der die großen Wände vor Ort mit der Hand realisiert werden.
Tebeşir ist das türkische Wort für Kreide. Die großen Wandarbeiten sind ganz mit diesem flüchtigen Material realisiert; nach der Ausstellung wischt die Künstlerin ihre großen Formate einfach von der Wand. Radikal wird die Zeitlichkeit und Gefährdung der Notate deutlich, wo sie in einem so fragilen Medium realisiert werden. Uns mögen Erinnerungen an Lehrsituationen der Kindheit oder an die Kreidenotate auf Tafeln eines Rudolf Steiner oder eines Joseph Beuys in den Sinn kommen; diese Arbeiten hier sind indes radikal auf das hier und jetzt bezogen, wenden sich schweigend an ihre BetrachterInnen. Und so, wie diese den Ort der Kunst wieder verlassen, werden auch diese großen Bilder wieder verschwinden.
Die Ausstellung ruht. Wie viele andere ist sie in dieser Zeit der viralen Infektionen nicht eröffnet worden. Und der zweite Teil der Ausstellung in Wolfsburg ist noch nicht realisiert: das große Kunstschaufenster des Hallenbades ist noch leer. Was könnte da entstehen, wie die Ausstellung in der Jungen Kunst weiterführen oder konterkarieren? Die Künstlerin schreibt mir „ins Schaufenster sollte das Tapetenmuster“, die Vielfalt der Dackel in großer Breite. Und dazu einen von zwei Sätzen von Martin Luther King, die die Zeichnerin lange beschäftigen. Der eine: „Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.“
Auf der Einladung zur Ausstellung prangt ein Wolfskopf in Aquatinta, ein Blatt als Dedikation an die Stadt dieser Ausstellung. Da fügt sich der andere Satz von Martin Luther King an: „It is always the right time to do the right thing.“ Wir alle hoffen darauf, dass die große Wand mit diesem Satz noch realisiert werden kann; der moralische Rigorismus des amerikanischen Bürgerrechtlers ist in dieser Zeit der schwindenden Sicherheiten ein großes Geschenk. Bleibt zu hoffen, dass seine Botschaft im großen Schaufenster der Tuğba Şimşek noch öffentlich werden kann.

Dr. phil. Ulrich Krempel, Kunsthistoriker